Handschriftliche Liederbücher
Die breit angelegte Sammlung handschriftlicher Liederbücher des Deutschen Volksliedarchivs archiviert unter der Signatur "HL" ("Handschriftliches Liederbuch") eine große Zahl privater Liedsammlungen, deren singulärer Quellenwert für liedgeschichtliche wie auch für sozial- und mentalitätsgeschichtliche Fragen nicht unterschätzt werden sollte: Mit den handschriftlichen Liedaufzeichnungen ‚privater’ Menschen liegt eine wichtige Quelle für vergangene Lebenswirklichkeiten vor, die weit weniger normativ geprägt ist als gedruckte Liederbücher.
Die Sammlung umfasst derzeit annhähernd 600 Handschriften seit 1750. Der Schwerpunkt liegt dabei im 19. Jahrhundert. Die Liederhandschriften sind unterschiedlichster Provenienz, sie stammen aus allen deutschsprachigen Gebieten bis hin zu den russlanddeutschen Siedlungen in Nord-Amerika.
Im Bestand enthalten sind u.a. zwei Straßburger Liederhandschriften aus der Zeit der Französischen Revolution, Liederbücher mit politischen Liedern aus der Zeit der 1848er-Revolution, Gitarrenbücher aus dem 19. Jahrhundert, Bänkelsänger-Liederhefte sowie Wallfahrts- und Soldatenliederbücher.
Etwa 40% der Handschriften haben musikalische Notation. Rund zwei Drittel der Liederbücher besitzt das Deutsche Volksliedarchiv im Original, etwa 30% als Reproduktionen und 5% als Abschriften. Die in Reproduktionen dokumentierten Liederbücher befinden sich größtenteils nicht in öffentlichen Bibliotheken, sondern in Privatbesitz.
Die Erschließung der Liederhandschriften des Deutschen Volksliedarchivs erfolgt über einen Bestandskatalog mit bibliographischer Titelaufnahme und ausführlicher Beschreibung jeder Handschrift (Nutzung des Kataloges vor Ort nach Anfrage möglich).
Abbildung: Farbig gestaltetes Deckblatt; HL 573.
In den handschriftlichen Liederbüchern des Deutschen Volksliedarchivs sind im Übrigen nicht nur Lieder enthalten, sondern auch Gedichte, Sinnsprüche und zahlreiche andere Einträge wie Gebete und Predigten, magische Heilzeichen, Heilrezepte gegen Krankheiten oder Koch- und Backrezepte, Stickmuster, Rätsel und Spiele sowie Volksschauspiele. Somit lassen sich bei genauer Lektüre mancher Handschriften immer wieder zwischen den Liedern notierte Einzelheiten finden, die sozusagen kleine historische Fenster zu vergangenen Lebenswirklichkeiten öffnen.
Literatur:
Kimminich, Eva: Erlebte Lieder. Eine Analyse handschriftlicher Liedaufzeichnungen des 19. Jahrhunderts. (Script Oralia 20.) Tübingen 1990.
Ziemann, Johanna: Zur Charakterisierung handschriftlicher Liederbücher. Die HL-Signaturen des Deutschen Volksliedarchivs in Freiburg i.Br. Unveröffentlichte Magisterarbeit, Universität Freiburg 1996 (Signatur im DVA: V1/30610).