Liedflugschriften
Das Deutsche Volksliedarchiv verfügt über etwa 15.000 Liedflugblätter und Liedflugschriften vom 15. bis zum 20. Jahrhundert. Diese in ihrer Breite und Zusammenstellung einzigartige Sammlung stellt zentrale Quellen der Liedüberlieferung und Liedkolportage von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart bereit. Die Drucke sind allerdings nicht nur liedgeschichtlich von Belang, sondern auch medien-, sozial- und mentalitätsgeschichtlich: Liedflugschriften und -blätter enthalten politische Propaganda, religiöse Unterweisung, wollen Neuigkeiten und Sensationen verbreiten und – nicht zuletzt – unterhalten.
Das gezeigte Beispiel aus dem Jahr 1855 ist typisch für die Produktion des Verlages Kahlbrock (Hamburg): Gedruckt wurden mit Vorliebe Sensationsnachrichten und Mordgeschichten, sozusagen als "Bild-Zeitung" des mittleren 19. Jahrhunderts.
Die Sammlung besteht aus folgenden Bestandsgruppen:
- originale Blätter (geschlossene Sammlungen und Streubestand; 4.250 Drucke)
- Kopien aus anderen deutschen und europäischen Bibliotheken, Archiven und Museen, etwa aus der Staatsbiblitohek Berlin, der Bayerischen Staatsbibliothek München, der Österreichischen Nationalbibliothek Wien, dem British Museum London, der Bibioteca Vaticana und vielen anderen.
- Konvolute (zusammengebunde Sammlungen; 1.600 Drucke)
Erschlossen sind die Liedflugblätter und -flugschriften des Deutschen Volksliedarchivs durch einen Incipitkatalog (geordnet nach den Liedanfängen), sowie durch einen Katalog der Druckorte und der Drucker.
Aufgebaut wurde die Sammlung seit den 1920er Jahren – also bereits in der Frühzeit des 1914 durch John Meier gegründeten Archivs. Damals lag der Interessenschwerpunkt auf die in den Blättern enthaltenen "Volksliedern", das Medium als solches trat dahinter zurück. Erst durch die Arbeit von Rolf Wilhelm Brednich, dem langjährigern wissenschaftlichen Mitarbeiter des Deutschen Volksliedarchivs (1963–1980), wurde der Fokus auch auf die Medieneinheit „Flugblatt“ bzw. „Flugschrift“, auf seine Herstellung, Zensur, Vertrieb und Rezeption gelenkt.
Ein "Wienerlied" von Ludwig Pollak (Musik) und Franz J. Heller (Text). Solche kleinen Lieddrucke wurden massenhaft verbreitet, oft mit lokalem Bezug und entsprechend begrenzter Reichweite.
Literatur zu den Beständen des Deutschen Volksliedarchivs
- Rolf Wilhelm Brednich, Otto Holzapfel: Flugschriftensammlung Riedl im Deutschen Volksliedarchiv. In: Jahrbuch für Volksliedforschung 17 (1972), S. 209–214.
- Rolf Wilhelm Brednich: Die Liedpublizistik im Flugblatt des 15. bis 17. Jahrhunderts. 2 Bde. Baden-Baden 1974f.
- Rolf Wilhelm Brednich: Neuerwerbungen des Deutschen Volksliedarchivs: Die Bänkelsang-Sammlung Nötzoldt, Heidelberg. In: Jahrbuch für Volksliedforschung 25 (1980), S. 110-113.
- Rolf Wilhelm Brednich: Neuerwerbungen des DVA. Volksliedsammlung Johannes Koepp und Flugschriftensammlung Kurt Wagner. In: Jahrbuch für Volksliedforschung 20 (1975), S. 151-153.
- Christine Vogt: Liedflugschriften des Wiener Verlages Neidl/Fritz im Deutschen Volksliedarchiv. In: Jahrbuch für Volksliedforschung 40 (1995), S. 125–128.